Die Erbhuldigung

 Am 9. August erschien das von König Friedrich Wilhelm IV. in Sanssouci am 23. Juli erlassene Convocations-Patent zur Erbhuldigung der Hohenzollernschen Lande, die auf der Stammburg Hohenzollern stattfand. — Am 21. August abends 10 Uhr traf der König von Haigerloch her in der festlich geschmückten und glänzend beleuchteten Stadt Hechingen ein. An der ersten Ehrenpforte bei der Johannesbrücke wurde er von Stadtschultheiß Ruft" namens des Stadtmagistrats und der Einwohnerschaft begrüßt. Die an der zweiten Ehrenpforte bei der Stiftskirche aufgestellten Jünglinge der Stadt geleiteten den königlichen Wagen mit Fackeln zur Villa Eugenia. In Begleitung des Königs befanden sich u. a. der Prinz von Preußen (der spätere Kaiser Wilhelm L), Ministerpräsident Frh. von Manteuffel, der Minister des Königlichen Hauses Graf v. Stolberg-Wernigerode. Vize-Oberzeremonienmeister Frh. von Stillfried. Hofmarschall. Graf v. Keller. Generaladjutant Graf v. der Groben. Generalleutnant v. Wussow und Oberhofprcdiger Dr. Strauß. Unter der Dienerschaft erregten zwei Mohren Aufsehen. Von Berlin war der Domchor, von Köln eine Kompanie des 34. Inf. Reg. mit der Regimentsmusik sowie eine Feldbatterie des 8. Artl. Reg., von Frankfurt a. M. eine Kompanie des 29. Inf. Reg. nach Hechingen befohlen. Auch die Fürstin von Fürstenberg und von Thurn und Taxis hatten sich zum Empfang eingefunden. — Am 22. August besichtigte der König die Sehenswürdigkeiten der Stadt und das Kloster Stetten. Die Kleine Garde durfte vor ihm exerzieren.
Am Abend fand in dem von Professor Eberlein aus Nürnberg mit geschichtlichen Gemälden geschmückten Mittelbau des noch unvollendeten Neuen Schlosses ein großes Hofkonzert des Fürstl. Orchesters statt, das bei dieser Gelegenheit zum letztenmal in Hechingen gehört wurde. Die Leitung hatte Kapellmeister Täglichsbeck, als Solisten wirkten Oswald (Cello), Jägerhuber (Oboe) und Stern (Violine) mit. Der Domchor sang einige Lieder und der Musikverein mit Orchesterbegleitung ein Zollerlied.
Der durch strahlend schönes Wetter begünstigte 23. August war der Tag der Erbhuldigung. Nach Tausenden zählte die Menge, die den Zollerberg erstieg. In glänzender Auffahrt begab sich der König mit seinem Gefolge zum Brielhof und von dort zu Pferd zur Burg Hohenzollern, auf die zuvor schon 300 Vertreter sämtlicher Gemeinden der beiden vormaligen Fürstentümer als Huldigungsdeputierte in feierlichem Zuge unter dem Geläut der Glocken mit Fahnen in den Landesfarben gezogen waren. 380 Zollerarbeiter hatten sich in ihren Schurzfellen aufgestellt. Außer dem Militär stand auch die Kleine Garde zum Empfang bereit. Beim Betreten des Burghofes wurde der König durch den greisen Geistlichen Rat Engel aus Veringendorf mit einer kurzen Ansprache begrüßt. Es folgten zunächst die Gottesdienste. In der Michaelskapelle, wo Generalvikar Buchegger aus Freiburg für die Katholiken das Hochamt hielt, leitete Hofmusikus Wichtl die Aufführung einer von ihm komponierten Messedurch den Musikverein und das Hoforchester, während beim protestantischen Gottesdienst im Rittersaal des Zeughauses der Berliner Domchor unter Leitung des Musikdirektors Neidhardt sang. Der König stellte sich nun auf dem unter der Burglinde errichteten reich verzierten Throne auf. Zu seiner Rechten stand der Prinz von Preußen, zu beiden Seiten des Thrones an dessen unteren Stufen nahmen die Fürsten von Fürstenberg und Taxis Aufstellung, beide Inhaber von in Hohenzollern gelegenen Standesherrschaften. Der König wandte sich zuerst an die Fürsten als Gleichgeborene und forderte sie zum Treuegelöbnis durch Handschlag auf. Die dargebotenen Hände drückend, küßte der König die beiden Fürsten und sagte: ,,Ein Handschlag ist das schönste Symbol des deutschen Volkes, dessen Treue überall in der Welt sprichwörtlich geworden ist." In herzlichen Worten erwiderte Fürst Carl Egon von Fürstenberg die königliche Anrede. Minister von Manteuffel sprach nun über die Verbindung der beiden Fürstentümer mit Preußen. Namens der Deputierten anwortete Hofgerichtsadvokat Bürkle aus Sigmaringen. Nach einer Ansprache des Königs verlas Geh. Finanzrat Stünzner die Eidesformel, welche die Deputierten entblößten Hauptes und mit erhobener Hand nachsprachen. Der König erwiderte: „Der schönste Bund ist nun geschlossen über Tod und Leben!" Ein brausendes Hoch auf den König erscholl, 101 Kanonenschüsse wurden gelöst, während unter dem Geläute der Glocken wechselweise vom Domchor und den Versammelten das Te Deum gesungen wurde. Mit dem von Kammermusiker Wichtl komponierten Huldigungslied klang die eindrucksvolle Feier im Burghof aus, an der nicht nur die höchsten Beamten, sondern auch viele Mädchen in schönen Volkstrachten teilgenommen hatten. Anschließend legte der König den Schlußstein am Wilhelmsturm.

Nachmittags war Tafel in einem aus Berlin mitgebrachten großen weißen Zelt, das im Fürstengarten auf dem Platz zwischen der Villa Eugenia und dem Küchengebäude aufgestellt war. Es war übrigens dasselbe Zelt, unter dem im Jahre 1842 bei der Kölner Domfeier der König mit dem Erzherzog Johann gespeist hatte; angeblich ein Geschenk des Zaren Nikolaus aus Rußland. Zu der Tafel waren sämtliche königliche und fürstliche Beamten, die Offiziere sowie die 300 Abgeordneten der Gemeinden geladen. Im Verlaufe des Huldigungsmahls wurde an die Teilnehmer die silberne Huldigungsdenkmünze verteilt, die auch die Sänger der Burgfestlichkeiten erhielten. Für die 380 Zollerarbeiter war die Bewirtung an einer langen Tafel auf dem Langrain. Auf der Lichtnau, wurden 600 Maß Wein in irdenen Geschirren an jeden ausgeschenkt, der Lust hatte zu trinken, und ein Brot dazu gegeben. Manche tranken dabei über den Durst. Abends brachten die Deputierten dem König vor dem Pavillon einen Fackelzug, dem sich die Realschüler mit Lampions anschlossen, die der Reihe nach die beleuchteten Worte erscheinen ließen: „Es lebe unser guter König!" und nach einer Wendung den Spruch: „Allweg gut Zollern vom Fels zum Meer!" Auf der Burg wurde ein großartiges Feuerwerk abgebrannt. Zum Schluß brachte der Musikverein vor der Villa Eugenia dem König ein Ständchen.

Am nächsten Tag hörte der König im weißen Zelt noch eine Predigt des Tübinger Theologieprofessors Dr. Hofmann, der dann zum Oberhof- und Domprediger in Berlin ernannt wurde. Bevor der König mit Gefolge nach Sigmaringen abreiste, empfing er eine Abordnung des Stadtmagistrats, die ihm das Gesuch der Stadt um Erhebung zum Regierungssitz und Zuweisung einer Garnison unterbreitete. Nach den Huldigungsfeierlichkeiten mußte es sich entscheiden, welche der beiden bisherigen hohenz. Residenzen Sitz der neuen preuß. Regierung werden sollte. Hechingen, als damals größte Stadt des Landes, als älteste Zollernstadt und Hauptstadt der Stammgrafschaft, als Residenz der ältesten Linie des Gesamthauses Hohenzollern, glaubte diese Ehre für sich in Anspruch nehmen zu dürfen, doch für Sigmaringen entschied an maßgebender Stelle der Einfluß des Fürsten, das Vorhandensein der erforderlichen Gebäulichkeiten für Behörden und Beamtenwohnungen und der Umstand, daß es die Stadt des weit größeren der beiden Fürstentümer war. Hechingen wurde zum Ausgleich zum Sitz des Kreisgerichtshofs für Hohenzollern bestimmt. — Im Zuge der Einbeziehung Hohenzollerns in die preußische Heeresverfassung wurden zwei Landwehr-Kompanie-Bezirke gebildet und diese dem I. Batl. (Neuwied) des 29. Inf. Reg. überwiesen. Die ersten militärischen Aushebungen fanden im September statt. Die Rekruten aus Hohenzollern erhielten ihre Ausbildung in rheinischen Garnisonen.


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